Beschwer­de­recht und effek­ti­ver Rechts­schutz

Landgericht Bremen

Auf­grund der Bestim­mung des Arti­kels 13 sind alle Staa­ten, die der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on bei­getre­ten sind, ver­pflich­tet, jeder­mann eine effek­ti­ve Mög­lich­keits des Rechts­schut­zes für alle Fäl­le vor­zu­se­hen, in denen eine Ver­let­zun­gen der in der Kon­ven­ti­on garan­tier­ten Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten im Raum steht.

Die­ses Recht steht neben dem im zwei­ten Abschnitt der Kon­ven­ti­on vor­ge­se­hen Rechts­schutz vor dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te durch die Ver­fah­ren der Indi­vi­du­al­be­schwer­de bzw. der Staa­ten­be­schwer­de. Anders als Abschnitt II der Kon­ven­ti­on rich­tet sich Arti­kel 13 EMRK an ihre Signa­tars­staa­ten und ver­pflich­tet die­se zur Gewähr­leis­tung einer inner­staat­li­chen Rechts­schutz­mög­lich­keit bei Ver­let­zung von Kon­ven­ti­ons­rech­ten.

Im deut­schen Recht erweist sich inso­weit als ein Pro­blem, das die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on inner­staat­lich nur im Rang eines ein­fa­chen Bun­des­ge­set­zes steht. Dies führt dazu, dass ihr – über den Grund­satz der Völ­ker­rechts­freund­lich­keit der deut­schen Rechts­ord­nung hin­aus – kein gene­rel­ler Vor­rang gegen­über den Geset­zen der Bun­des­re­pu­blik zukommt, son­dern im Gegen­teil sogar kon­ven­ti­ons­wid­ri­ge Geset­ze nach dem “lex pos­te­rior”- oder “lex specialis”-Grundsatz ein Vor­rang vor der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on zukom­men kann.

Dies ist in wei­ten Berei­chen zunächst ohne Aus­wir­kung, da die Gewähr­leis­tun­gen der EMRK wei­test­ge­hend auch Auf­nah­me in den Grund­rech­te­ka­ta­log des deut­schen Grund­ge­set­zes gefun­den haben. Aller­dings wird das Pro­blem immer dann viru­lent, wenn die Gewähr­leis­tun­gen der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on – etwa in der Aus­le­gung durch den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te – über die grund­recht­li­chen Gewähr­leis­tun­gen des Grund­ge­set­zes hin­aus gehen. Die Aus­wir­kun­gen lie­ßen sich etwa in den letz­ten Jah­ren an den Dis­kus­sio­nen in Deutsch­land über die nach­träg­li­che Siche­rungs­ver­wah­rung stu­die­ren, die zunächst durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zwar als ver­fas­sungs­ge­mäß gebil­ligt, dann aber durch den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te als kon­ven­ti­ons­wid­rig qua­li­fi­ziert wur­de. Hier befolg­te die deut­sche Jus­tiz zwar in den vom EGMR ent­schie­de­nen Ein­zel­fäl­len die Urtei­le des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te (wozu sie nach Art. 46 EMRK ver­pfich­tet waren), wand­te ansons­ten aber in der Mehr­zahl wei­ter­hin die kon­ven­ti­ons­wid­ri­gen Vor­schrif­ten des deut­schen Straf­ge­setz­bu­ches zur nach­träg­li­chen Siche­rungs­ver­wah­rung an. Erst ein wei­te­res Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, dass sich unter Auf­ga­be sei­ner bis­he­ri­gen gegen­tei­li­gen Recht­spre­chung der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te anschloss, been­de­te die­sen Spuk.

Ein ähn­li­ches Ver­hal­tens­mus­ter der deut­schen Jus­tiz ließ sich auch bei der Behand­lung des Pro­blems der über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren beob­ach­ten, die vom Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te in den von ihm ent­schie­de­nen Fäl­len regel­mä­ßig als kon­ven­ti­ons­rechts­wid­rig (mit der Fol­ge einer Ent­schä­di­gungs­pflicht) ein­ge­stuft wur­den. Auch hier bedurf­te es eines beson­de­ren Geset­zes, bis die deut­schen Gerich­te dies – über die vom EGMR ent­schie­de­nen Ein­zel­fäl­le hin­aus – all­ge­mein akzep­tier­ten. Auch hier zeig­te sich wie­der­um das Pro­blem, dass die Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on in Deutsch­land “nur” ein­fa­chen Geset­zes­rang genießt.

Die­ser Zwie­spalt zeigt sich auch in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, das 2004 in sei­ner “Görgülü”-Entscheidung1 zwar einer­seits aus­drück­lich die Pflicht der deut­scher Gerich­te zur “Berück­sich­ti­gung” der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te pos­tu­lier­te, ande­rer­seits aber auch aus­drück­lich fest­stell­te, dass die Urtei­le des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te nicht über dem Grund­ge­setz stün­den, so dass die deut­schen Gerich­te sich zwar mit der Recht­spre­chung des EGMR zur Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on aus­ein­an­der set­zen und eine Abwei­chung hier­von beson­ders begrün­den müss­ten, hier­an aber – abge­se­hen von den vom EGMR ent­schie­de­nen Ein­zel­fäl­len (Art. 46 EMRK) – nicht gebun­den sei­en, ins­be­son­de­re dann nicht, wenn ein in sei­nen Rechts­fol­gen aus­ba­lan­cier­tes Teil­sys­tem des inner­staat­li­chen Rechts betrof­fen ist und die betei­lig­ten Rechts­po­si­tio­nen und Inter­es­sen im Beschwer­de­ver­fah­ren vor dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te mög­li­cher­wei­se “nicht voll­stän­dig abge­bil­det” waren.

Arti­kel 13 – Recht auf wirk­sa­me Beschwer­de

Jede Per­son, die in ihren in die­ser Kon­ven­ti­on aner­kann­ten Rech­ten oder Frei­hei­ten ver­letzt wor­den ist, hat das Recht, bei einer inner­staat­li­chen Instanz eine wirk­sa­me Be­schwerde zu erhe­ben, auch wenn die Ver­let­zung von Per­so­nen began­gen wor­den ist, die in amt­li­cher Eigen­schaft gehan­delt haben.

  1. BVerfG, Beschluss vom 14.10.2004 – 2 BvR 1481/​04 []

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