Gedan­ken­frei­heit, Gewis­sens­frei­heit, Reli­gi­ons­frei­heit

dom florenz - Gedankenfreiheit, Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit

Die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on gewähr­leis­tet in ihrem Arti­kel 9 die Gedankens‑, Gewis­sens- und Reli­gi­ons­frei­heit für Jeder­mann.

Gedan­ken­frei­heit ist die Frei­heit des Den­kens, ins­be­son­de­re in welt­an­schau­li­chen und poli­ti­schen Din­gen.

Die in Arti­kel 9 EMRK geschütz­te Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­frei­heit
umfasst nicht nur das Recht

  • einer Reli­gi­ons- oder Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft anzu­ge­hö­ren sowie
  • sei­ne Reli­gi­on oder Welt­an­schau­ung zu wech­seln.

Reli­gi­ons­frei­heit ist umfas­sen­der zu ver­ste­hen als die Frei­heit eines jeden Men­schen,

  • sei­ne Glau­bens­über­zeu­gung – ver­stan­den als den Glau­ben an einen Gott oder meh­re­re Göt­ter – oder sein welt­an­schau­li­ches Bekennt­nis frei zu bil­den,
  • sei­ne Reli­gi­on oder Welt­an­schau­ung unge­stört aus­zu­üben und
  • die ent­spre­chen­den kul­ti­schen Hand­lun­gen vor­zu­neh­men (Kul­tus­frei­heit),
  • ihren Gesetz­mä­ßig­kei­ten ent­spre­chend zu han­deln sowie
  • hier­für zu wer­ben,

Die Reli­gi­ons­frei­heit umfasst neben die­ser posi­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit aber auch die nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit, ver­stan­den als das Jeder­mann zuste­hen­de Recht,

  • nicht an einen Gott zu glau­ben (Athe­is­mus und Agnos­ti­zis­mus) oder
  • kei­ner (oder kei­ner bestimm­ten) Reli­gi­on ange­hö­ren zu müs­sen.

Hier­zu gehört auch das Recht,

  • die Frei­heit, die per­sön­li­chen reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Über­zeu­gun­gen nicht zu offen­ba­ren, sowie
  • das Recht, staat­lich vor­ge­se­he­ne Hand­lungs­for­men – wie etwa eine Eides­leis­tung – in einer reli­gi­ös neu­tra­len Form abzu­le­gen (nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit) oder eben gera­de eine sol­che reli­giö­se Beteu­rungs­for­mel – “so wahr mir Gott hel­fe” – hin­zu­zu­fü­gen (posi­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit).

Arti­kel 9 EMRK gewähr­leis­tet sei­nem Wort­laut nach – dem sei­ner­zei­ti­gen Men­schen­rechts­ver­ständ­nis fol­gend – ins­be­sod­ne­re die posi­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit. Wie sich aber etwa an Arti­kel 9 Absatz 2 EMRK umfasst die Gewähr­leis­tung der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on auch die nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit.

Aller­dings erfolgt die Gewähr­leis­tung der Reli­gi­ons­frei­heit nicht schran­ken­los. Viel­mehr ist eine Ein­schrän­kung durch Gesetz mög­lich, soweit dies zum Schutz

  • zum Schutz der öffent­li­chen Sicher­heit und Ord­nung, ein­schließ­lich der öffent­li­chen Moral, oder
  • zum Schutz der der Rech­te und Frei­hei­ten Drit­ter

erfor­der­lich ist.

Die Gedan­ken- und Reli­gi­ons­frei­heit ist eine klas­si­sche Ver­bür­gung des Völ­ker­rechts. Sie fin­det sich bei den Ver­ein­ten Natio­nen bereits in Arti­kel 18 der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te sowie in Arti­kel 18 des UN-Zivil­pak­tes oder in neue­rer Zeit – bezo­gen auf die reli­giö­se Kin­der­er­zie­hung – in Arti­kel 14 der UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on.

Ein Test­fall für die Gewähr­leis­tung der Reli­gi­ons­frei­heit in der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on war das Ver­schleie­rungs­ver­bot (Bur­ka­ver­bot), das 2010/​2011 in Bel­gi­en und in Frank­reich durch ent­spre­chen­de Geset­ze ein­ge­führt wur­de, da Bur­kas der welt­li­chen staat­li­chen Ord­nung wider­sprä­chen und die Frau­en ernied­rig­ten, zudem die Iden­ti­fi­zie­rung ihrer Trä­ger ver­hin­der­ten und dadurch ein Sicher­heits­ri­si­ko dar­stell­ten. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te sah hier­durch Arti­kel 9 der Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on nicht ver­letzt und bil­lig­te das fran­zö­si­sche Gesetz.

In Deutsch­land ist die Reli­gi­ons­frei­heit als Grund­recht in Art. 4 GG geschützt. Dar­über hin­aus ent­hal­ten die Reli­gi­ons­ar­ti­kel der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung von 1919, die über Art. 140 GG in das Grund­ge­setz über­nom­men wur­den, wei­te­re Bestim­mun­gen zur Reli­gi­ons­frei­heit. So bestimmt

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  • Art. 136 WRV, dass die bür­ger­li­chen und staats­bür­ger­li­chen Rech­te und Pflich­ten durch die Aus­übung der Reli­gi­ons­frei­heit weder bedingt noch beschränkt wer­den. Außer­dem darf nie­mand zu einer kirch­li­chen Hand­lung oder Fei­er­lich­keit oder zur Teil­nah­me an reli­giö­sen Übun­gen oder zur Benut­zung einer reli­giö­sen Eides­form gezwun­gen wer­den;
  • Art. 137 WRV, dass kei­ne Staats­kir­che besteht und die Ver­ei­ni­gung zu Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten gewähr­leis­tet wird. Jede Reli­gi­ons­ge­sell­schaft ord­net und ver­wal­tet ihre Ange­le­gen­hei­ten selb­stän­dig inner­halb der Schran­ken des für alle gel­ten­den Geset­zes, sie ver­leiht ihre Ämter ohne Mit­wir­kung des Staa­tes oder der bür­ger­li­chen Gemein­de. Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten erwer­ben die Rechts­fä­hig­keit nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten des bür­ger­li­chen Rech­tes;
  • Art. 138 WRV, dass Staats­leis­tun­gen an die Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten, die auf Gesetz, Ver­trag oder beson­de­ren Rechts­ti­teln beruh­ten, durch die Lan­des­ge­setz­ge­bung abge­löst wer­den. Das Eigen­tum der Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten und reli­giö­ser Ver­ei­ne wer­den gewähr­leis­tet;
  • Art. 139 WRV, dass der Sonn­tag und die staat­lich aner­kann­ten Fei­er­ta­ge als Tage der Arbeits­ru­he und der see­li­schen Erhe­bung gesetz­lich geschützt blei­ben;
  • Art. 141 WRV, dass die Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten, soweit das Bedürf­nis nach Got­tes­dienst und Seel­sor­ge im Heer, in Kran­ken­häu­sern, Straf­an­stal­ten oder sons­ti­gen öffent­li­chen Anstal­ten besteht, zur Vor­nah­me reli­giö­ser Hand­lun­gen zuzu­las­sen sind, wobei jeder Zwang fern­zu­hal­ten ist.

Arti­kel 9 – Gedanken‑, Gewis­sens- und Reli­gi­ons­frei­heit

  1. Jede Per­son hat das Recht auf Gedanken‑, Gewis­sens- und Religi­onsfreiheit; die­ses Recht umfasst die Frei­heit, sei­ne Re­ligion oder Welt­an­schau­ung zu wech­seln, und die Frei­heit, sei­ne Reli­gion oder Welt­an­schau­ung ein­zeln oder gemein­sam mit ande­ren öf­fentlich oder pri­vat durch Got­tes­dienst, Unter­richt oder Prak­ti­zie­ren von Bräu­chen und Riten zu beken­nen.
  2. Die Frei­heit, sei­ne Reli­gi­on oder Welt­an­schau­ung zu beken­nen, darf nur Einschrän­kungen unterwor­fen wer­den, die gesetz­lich vor­ge­se­hen und in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft not­wen­dig sind für die öffent­li­che Sicher­heit, zum Schutz der öffent­li­chen Ord­nung, Gesund­heit oder Moral oder zum Schutz der Rech­te und Frei­hei­ten ande­rer.

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